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Datest du noch oder tinderst du schon?

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Ich muss euch ganz ehrlich gestehen, dass ich Dating-Apps bisher als Tool für Leute sah, die entweder zu schüchtern, zu faul oder zu beschäftigt sind, um sich von dem netten Typen an der Bar auf einen Flirt plus Drink einladen zu lassen.

Doch die letzten Wochen haben meine Ansichten, was das Thema „Dating mobil“ angeht, grundlegend geändert. Alles begann mit einer Kollegin – 22, süß, witzig und keiner der oben genannten Kategorien zuzuordnen – die mir von ihren Dates der letzten Wochen erzählte. Woher sie die alle hatte? 

Tinder

Na, von Tinder…

Wie bitte?

T-I-N-D-E-R, die Dating-App!

Ah, ok, na dann.

Vielleicht hätte ich diesen Artikel nicht geschrieben, wäre sie die einzige geblieben. Doch kurz darauf erfuhr ich von weiteren drei Freundinnen, die die App nutzen und bekam beim Feierabend-Drink mit, wie ein Kollege eine seiner Tinder-Favoritinnen traf.

Da musste auch ich mir eingestehen: Es gibt noch etwas anderes neben meiner old school Dating-Methode und wäre ich gerade Single, wer weiß, ob ich nicht auch die Jungs in meiner Nähe in hot or not einteilen würde?

sabrina_tinderDenn so funktioniert Tinder, eine Dating-App für Android und iPhone, die 2012 erstmals auf einer Party der University of Southern California gelauncht wurde und sich von dort an anderen Universitäten verbreitet hat. Seit etwa einem Jahr ist sie weltweit aktiv und gibt uns, nach dem Login mit unserem Facebook-Account, die Möglichkeit, in einem Umkreis von bis zu 160 Kilometern und einer beliebigen Altersgruppe, Flirtpartner zu finden. Daraufhin sehen wir andere Tinder-User, die unseren Suchkriterien entsprechen, mit Facebook-Bildern ihrer Wahl und ausgewählt nach ähnlichen Interessen und Freunden. Die können wir dann mit einem Herz unter ihrem Profilbild liken oder aber mit einem Kreuz abstempeln, um daraufhin den nächsten potentiellen Traumprinzen angezeigt zu bekommen.

Nur wenn zwei User sich gegenseitig „herzen“, kommt ein „Match“ zustande und sie können einander Nachrichten schreiben und sich eventuell verabreden.

Klingt einfach und ist es auch. Wie die Huffington Post in einem Onlineartikel treffend schreibt, hat Tinder uns damit geködert, dass es uns unverfroren die Möglichkeit gibt, all die Dinge zu tun, die wir liebend gern online machen, aber ungern zugeben: Oberflächlich sein, andere nach dem Aussehen beurteilen und ausspionieren, unsere Egos anhand der Comments anderer über uns herunterziehen oder pushen.

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Tinder hat somit lästern scheinbar akzeptabel gemacht und von seiner unmoralischen Komponente befreit. Endlich müssen wir nicht mehr jedem eine Chance geben, weil er zwar eigentlich nicht unser Typ ist, aber ja ganz nett sein könnte. Abstempeln mit einem erbarmungslosen „X“ ist angesagt und vielmehr als Online-Dating wird die App als Spiel wahrgenommen, als Schönheitswettbewerb plus Chat. Sozusagen Facebook bevor es uns das Nach-Herzenslust-Spionieren durch Privacy-Einstellungen und -Sorgen verdorben hat. Über 3 Milliarden Ratings in sechs Monaten machen die Dating- zur Gossip-App, die eine unserer essenziellsten Fragen beantwortet: Ich mag ihn, aber mag er mich? Das passiert auf so leichte und direkte Art und Weise, als trügen alle attraktiven Leute im Lieblingscafé ein Schild, das uns sagt, ob sie uns ebenfalls nicht schlecht finden. „Was Frauen (und Männer) wollen“ im wahren Leben, OMG!

Hinzu kommt, dass für viele ein „Gefällt mir“ der Ego-Boost schlechthin ist. So haben Untersuchungen ergeben, dass Facebook-Likes und Twitter-Retweets eine ganze Welle des Glückshormons Dopamin auslösen können. Dabei gefällt den Leuten hier nur dein Status-Update, neues Profilbild oder neuer Post, während es bei Tinder unmittelbar um deine Person und dein Aussehen geht. Darum, ob derjenige, den du gutaussehend und interessant findest, dasselbe von dir denkt. Zum Glück kann es, sollte man mal kein Herz zurückbekommen, immer noch daran liegen, dass Tinder die potentiellen Matches wechselnd angibt und wir dem süßen Unbekannten von nebenan einfach nicht angezeigt wurden.

the bar sceneIrgendwo kommt dann aber doch ein kleiner, moralischer Zweifel auf: Ist es nicht trotzdem etwas zu oberflächlich, Leute nur nach dem Aussehen zu beurteilen, wo sich doch in so manchem Frosch ein zauberhafter Prinz versteckt? Andererseits: Ist es beim Kennenlernen auf einer Party oder in einer Bar so viel anders? Gehen wir nicht auch dort mehr oder weniger bewusst auf die Menschen zu, die wir physisch attraktiv finden? Und hat nicht jeder von uns ein etwas anderes Schönheitsempfinden, das auch den weniger dem gängigen Schönheitsideal entsprechenden Tinderern einiges an Like-Potential beschert? Wenn man bedenkt, dass die iPhone-App 10.000 bis 20.000 Mal am Tag heruntergeladen wird, 60% der User sie täglich und viele davon bis zu sechs Mal am Tag nutzen, liegt das nahe.

Allerdings kann der potentielle Ego-Boost auch zur Krankheit werden. Erwiesenermaßen hat das „Looking for Likes“ bereits bei manchen Facebook-Usern zur Social-Media-Sucht geführt – was wird dann erst Tinder auslösen? Was der Herzschmerz dem einen, ist die Tinderitis dem anderen und es ist wie immer Vorsicht in Herzensdingen geboten.

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Uns würde eure Meinung zum Thema interessieren! Tindert ihr schon oder seid ihr noch von der alten Dating-Schule? Wir freuen uns auf eure Kommentare und nur am Rande sei angemerkt: Meine Tinder-begeisterte Kollegin hat am Wochenende jemanden auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt. Es geht also auch noch ohne App und ob was draus wird, bestimmen wohl weder wir, noch Tinder, sondern allein Amor – we like!

 

Bild 4 ist von flickr-User David van der Mark (CC BY-SA 2.0) und wurde von der Autorin zugeschnitten

Bild 5 ist von flickr-User Robert S. Donovan (CC BY 2.0) und wurde von der Autorin zugeschnitten

Bild 6 ist von flickr-User Jhaymesisviphotography (CC BY 2.0) und wurde von der Autorin farblich verändert und zugeschnitten

 

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