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Selfie-Mania

Cara und Rita tun es, Kim sowieso – die Selfie-Manie ist einfach nicht zu stoppen. Doch wieso fotografieren wir uns so gerne mit ausgestrecktem Arm und sexy Schmollmund vor hippen Hintergründen und lassen die Welt daran teilhaben? – Eine Short-Selfie-Story.

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Die ersten Foto-Selfies entstanden vor 160 Jahren. 1854 schaffte es der Pariser Fotograf André Disdéri mit einer neuen Methode, nicht nur ein Bild, sondern ganze acht Fotos kurz hintereinander zu schießen. Diese waren kleinformatig und erlaubten das Ausprobieren verschiedener Posen in Folge – so ähnlich wie im Fotoautomaten. Dadurch ließ sich die Vorbereitungszeit für die sonst sehr aufwändigen Fotoshoots extrem verkürzen, Disdéris „Vintage-Selfies“ kosteten nur ein Fünftel eines normalen Foto-Porträts und waren extrem in: Man verschenkte sie an die Liebsten oder Geliebten, die sie dann im Geldbeutel bei sich trugen. Diese Mode hielt bis in die 90er und hat dazu geführt, dass so manches unserer alten Familienfotos ein Loch hier und da hat, weil man Mama oder Papa immer bei sich haben wollte.

Bei unseren digitalen Selfies von heute müssen wir uns keine Sorgen mehr um das gute Fotopapier machen. Aber dafür um den kleinen Narziss in jedem von uns und unseren gesunden Menschenverstand. Denn so ganz normal ist es ja nicht, dass Leute mit gespitzten Lippen, hochgerecktem Kinn und Bambi-Augen mitten auf der Straße stehen bleiben, um dann mit weit von sich gestrecktem Arm ein Foto von sich zu schießen. Normal wäre das nur, wenn der Himalaya oder Brad Pitt hinter einem stünde und gerade niemand anderes da ist, um diesen einmaligen Moment festzuhalten. Doch auf den seltensten Selfies sieht man Menschen in solch atemberaubenden Situationen wie den Astronauten Mike Hopkins beim Ausflug ins All mit der Erde als Hintergrund.

http-::commons.wikimedia.org:wiki:File-Astronaut_Mike_Hopkins_on_Dec._24_Spacewalk.jpg

Viel öfter ist da ein “Schau mal, ich bin shoppen”-Selfie oder “Schau mal, wie’s mir geht”-Selfie. Zwischendurch gibt’s dann ein “Schau mal, ich bin an einem interessanten Ort”-Selfie und “So cool sehe ich heute aus”-Selfie. Objektiv betrachtet ist das nicht wirklich spektakulär und doch können wir nicht anders als knipsen und gucken – wieso nur?

Einerseits sicher deshalb, weil in unserer Social Media-Society zu gelten scheint: „Ich fotografiere mich, also bin ich.“ Denn wer nicht ständig etwas in seine virtuelle Welt hinauspostet, gerät am Ende noch in Vergessenheit oder wird gar „unfriended“. Viele Menschen scheinen in der Tat das tolle Essen oder den Traumurlaub überhaupt nicht mehr genießen zu können, wenn sie ihn nicht fotografisch festhalten und mit möglichst vielen ihrer Freunde „teilen“. Auch in Museen werden viele Meisterwerke nur noch durch die I-Pad-Kamera gesehen – bizarr und meist nicht dazu da, sich selbst eine Erinnerung zu sichern, sondern anzugeben: „Hey, ich bin in Miami, im MoMa, in Mailand Pizza essen.“

Doch all das ist laut der Soziologin Bernadette Kneidinger nicht bloß eitel und oberflächlich. Denn heutzutage sei die Art, wie man sich visuell darstellt, ein wichtiger Punkt für die Konstruktion der eigenen Identität. Das fängt jeden Morgen mit der Wahl des Outfits an und erklärt, warum auch Promis, die normalerweise ihre Privatsphäre schützen, auf den Selfie-Zug aufspringen. Denn auf ihren Selbstporträts können sie sich so geben, wie sie gerne gesehen würden, wirken meist nahbarer und sind definitiv näher dran, als jeder nervige Paparazzo.

https---www.flickr.com-photos-mikecogh-9720867040-sizes-o-in-photostream-

Auch wenn diese Selfie-Flut oft an Narziss erinnert, ist es laut Kneidinger etwas ganz Menschliches, dass man sich selbst dargestellt sehen möchte und sich unter Freunden fotografiere, um die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu zeigen. Darüber kann man sich dann natürlich in erster Linie selber freuen, aber noch glaubwürdiger für einen selbst und alle anderen wird’s, wenn das Statement-Selfie von möglichst vielen gesehen wird. Schließlich sagt in unserer visuellen Kultur ein Bild mehr als tausend Worte.

Hinzu kommt, dass uns ein Foto an sich eine gewisse Sicherheit suggeriert, ein Festhalten des Moments in unserer schnelllebigen Welt, in der viele von uns das Gefühl haben, sich ständig neu erfinden müssen, um nicht langweilig zu wirken. Kein Wunder, dass der neueste Selfie-Trend #AfterSex heißt, mit dem uns Paare aus zerwühlten Laken herrlich verzerrt sagen möchten: „Schaut her, wie ‚intim’ es bei uns zugeht.“

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Was so populär ist, wird natürlich längst kommerziell genutzt: So gibt es mittlerweile den Armverlängerer “iStabilizer” und den Selbstauslöser “Shutterball”, mit dem man die Smartcam noch aktivieren kann, wenn man sie schon mit dem “Selfie-Spider” am Bettpfosten befestigt hat. Auch das legendäre Oscar-Selfie war nicht so spontan wie es aussah. 20 Millionen Dollar soll Samsung dem TV-Sender, der die Verleihung übertrug, bezahlt haben – u.a. dafür, dass Moderatorin Ellen DeGeneres während der Show Produkte des Unternehmens ins Bild hält. Und wie ginge das besser, als mit einem Selfie? Für Samsung hat sich das Millionen-Investment auf alle Fälle gelohnt, denn Experten schätzen, dass das Star-Selfie, das Twitter zusammenbrechen ließ, eine Milliarde Dollar wert ist.

Ob spontan oder nicht, Star oder Normalsterblicher: Die Self-Promotion über Selfies ist angesagt. Doch sie kann auch süchtig machen und extrem gefährlich sein. Eine Studie hat beispielsweise ergeben, dass Selfies anderer Neid und Unwohlsein verursachen können, weil der Eindruck entsteht: Allen anderen geht es besser als mir, also sind sie auch besser. Der Engländer Danny Bowman entwickelte sogar eine Selfie-Sucht, die ihn fast in den Selbstmord trieb: Sein Wunsch, das Interesse der Mädchen zu wecken, führte zum krankhaften Streben nach Perfektion und am Ende schoss Danny zehn Stunden pro Tag 200 Selfies, schmiss die Schule und nahm zwölf Kilo ab, um für die Fotos besser auszusehen. Einige Selfie-isten riskieren ihr Leben dagegen vielleicht unbewusst, wenn sie sich händehaltend auf Bahngleisen oder während des Autofahrens fotografieren.

altAkI3Qhno374bbLP_RABdTCYAWwsR3RoH2lT4s0YLFWuMDas führt wohl kaum zu einer starken, intelligenten und coolen Identität und auch wenn einige schon vom Selfie als neuer Kunst-Form sprechen, hoffen wir, dass derart gefährliche Varianten Einzelfälle bleiben. Fotos wie wir sie lieben und gerne sehen, entstehen nämlich aus viel gesünderen und witzigeren Selfie-Trends: Mädels und Jungs, die neben ihrem schönsten Selbstporträt verrückte Grimassen schneiden, mit ihren vierbeinigen Freunden für “Hundebart”-Selfies posen oder anderen ins Bild „bomben“. Macht Spaß und sympathisch und genau das und nicht mehr sollte ein Selfie sein!

 

Das Titelbild ist von deviantart-User HeartAttack11 (CC BY-SA 3.0) und wurde von der Autorin zugeschnitten und farblich verändert

Das Bild des All-Selfies ist von der Nasa in der Public Domain veröffentlicht, Quelle: http://www.nasa.gov/content/astronaut-mike-hopkins-on-dec-24-spacewalk/#.Ur3p8Oig5w0

Das Bild vom Selfie der zwei Mädchen ist von flickr-User mikecogh (CC BY-SA 2.0) und wurde von der Autorin zugeschnitten und retuschiert

Das Celfie Darlin’ Shirt ist von H&M – 9,95€

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